
Die limitierten Spitzenweine von Fernando Ocaña
Würde man Spanien an allen Ecken anfassen und glattziehen, käme dabei eine durchschnittliche Höhe von 660 Metern heraus. Das ist weit entfernt von Strandfeeling und den blühenden Gärten von El Andaluz. Wer mal ab Madrid mit dem Auto nach Süden gefahren ist, kennt die endlose, im Winter ätzend kalte und windige Meseta. Wer nach Norden oder Westen fährt, bleibt zunächst an kargen steinigen Berggipfeln hängen, der Sierra de Gredos, die sich zu mehr als 2.500 Metern hohen Gipfeln auftürmt.
Wo sonst nichts wächst, wächst Wein
Während man auf der Meseta mit geringen Erträgen, aber auf riesigen Flächen, Getreide anbaute und Viehwirtschaft betrieb, war das in den Bergen nur unter sehr erschwerten Bedingungen möglich. Aber es gilt: wo sonst nicht wächst, wächst zumindest Wein. Die Weinrebe kommt mit felsigen und kargen Bedingungen gut zurecht. Nur in der Kälte der Berge hatte sie es schwer, die nötige Reife für gute Weine zu bekommen. Also war auch das ein Knochenjob für die Weinbauern.
Als 1561 Phillipp II. seinen Hof - und damit die Hauptstadt - von Valladolid im nördlichen Teil der Meseta nach Madrid in den steinigen Teil der Meseta verlegte, begann der unaufhaltsame Aufstieg der Stadt. Man fragt sich, warum er nicht Granada, Valencia oder Malaga gewählt hat. Immerhin soll es in Madrid im Winter etwas wärmer und weniger windig sein als in Valladolid.
König mit Hang zum lasterhaften Dasein
Na, die Habsburger waren ja schon immer besonders und als militanter Katholik, der er war, wollte er es wahrscheinlich gar nicht behaglich haben. Oder wie ein Historiker so schön schrieb: „Wenn Philipp eine einzige Tugend besessen hat, ist sie der sorgfältigen Recherche des Autors entgangen. Sollte es Laster geben – was anzunehmen ist – von denen er ausgenommen war, dann deshalb, weil die menschliche Natur nicht einmal im Bösen Perfektion zulässt.“
Die wachsende Hauptstadt verschlang enorme Ressourcen und weil es zu Phillips Zeiten noch keine Eisenbahn gab, musste alles mühsam herantransportiert werden, was Nähe zu einem unermesslichen Standortvorteil machte.
Die durstige Hauptstadt
Hier schlug, jedenfalls was den Wein anging, die Stunde der kleinen Städte in der Sierra do Gredos. San Matin de Valdeiglesias liegt strategisch und verkehrstechnisch geschickt auf einer kleinen Hochebene, die den westlichen und östlichen Teil der Sierra trennt. Von hier aus kam man relativ einfach nach Salamanca, in die alte Hauptstadt sowie zu den Häfen des Nordens. Auf der Ebene selbst ließen sich Getreide, Früchte und Gemüse anbauen, auf den Hügeln und Bergen rundeherum wuchs nur Wein. Und den benötigte man in Mengen: die Hauptstadt wurde immer größer und durstiger und die vielen Reisenden benötigten auch mehr als einen guten Schluck. Schließlich wanderten die Weinberge im benachbarten Cebreros, am nördlichen Ende der Ebene am Puerto de Arrebatacapas, bis auf abenteuerliche 1.000 Meter über dem Meeresspiegel. Man hätte auch auf dem Mars Wein anbauen können.

Weinbau auf einem fernen Planeten
Aber irgendwann kam die Eisenbahn nach Madrid und ab 1851 waren die kraftvollen und billig produzierten Weine des Südens plötzlich ganz nah und als 1864 die Compañía del Norte die Strecke nach Irun eröffnete, lag das Rioja direkt auf dem Weg. Madrid wurde geflutet mit günstig produziertem Wein. Da hatten die Bergregionen keine Chance mehr. Immer mehr Weinberge wurden aufgegeben und die Reblaus tat ab ungefähr 1890 ihr übriges. Die Berge und die Meseta, die ohnehin nie dicht besiedelt war, verloren immer mehr Einwohner, die nach Madrid, Barcelona, Saragossa oder Bilbao gingen. Weinbau wurde nur in sehr kleinem Stil betrieben. Aber erstaunlicherweise überlebten viele Weinberge, irgendjemand schnitt sie, zumindest rudimentär, und versuchte mit einfachen Mitteln, vernünftigen Wein zu bereiten. Doch auch alle diese Irgendjemands wurden älter und weniger und spätestens Anfang des neuen Jahrtausends stand der Weinbau in der Region vor dem Aus.
Ende als Chance
Aus den Schwierigkeiten, mit denen die Weinerzeuger zu kämpfen hatten, wurde plötzlich eine Tugend. In Madrid wollten immer mehr Restaurants Weine, die aus der Region kamen und nicht von großen Weinfabriken in der Rioja produziert wurden. Mit dem Trend zu Cool Climate-Weinen und den Folgen der Klimaerwärmung waren die Weinberge in der Höhe plötzlich keine Problemfälle mehr, sondern etwas Besonderes. Und die alten Rebstöcke, an denen teilweise selbst die Reblaus spurlos vorbeigezogen war, wurden von landwirtschaftlichem Under-Performer zu einem einzigartigen Kulturgut, dem man die geringen Erträge gerne nachsah.
Die verrückte Karriere des Fernando Ocaña
Einer der ersten der ersten der die Stärke der Region, seiner Heimat erkannte und daran glaubte, war Fernando Ocaña. Seine Karriere ist ziemlich verrückt. „Mein Weingut habe ich mir mit Radfahren verdient“, sagt er, und zwar hauptsächlich mit BMX. Eine Disziplin in der er zur absoluten Weltklasse gehörte. Hügel und Berge für waghalsige Abfahrten und Sprünge hatte er direkt vor der Haustür. Aber er wollte auch Winzer sein. „Ich habe mich immer zum Winzer berufen gefühlt“, meint er ganz ernst. In Dingen wie „Berufung“ ist man in Kastilien sehr streng.
Trophäen und Siegprämien als Investitionskapital
Groß ist sein Weingut Valleyglesias nicht, dafür besonders. Fernando hat mit null Hektar und null Euro angefangen. Mit den Preisgeldern von 84 Podiumsplätzen und 38 Siegen kamen ein paar Hektar zusammen und irgendwann auch ein Gebäude auf einem Hügel oberhalb von San Martin, umgeben von uralten Reben und Bäumen und sonst nichts. Seine Weine verkauft er hauptsächlich im Restaurant seines Bruders, der eigentliche Musiker ist, mitten im Ort direkt gegenüber der Arena und nach Madrid in trendige Top-Restaurants. Und mittlerweile auch nach New York, Singapur und überall dort, wo man die karge Grenache und die großzügige Albilo Real von den Felsen mag. Also auch nach Köln.
Wine on the rock
Als wir zuletzt bei ihm in San Martin waren, standen in einer Ecke zwei 500-Liter-Fässer, separiert von den anderen. „G Rock” stand mit Kreide geschrieben drauf. Wir durften einen umwerfenden Wein verkosten und uns um eine Zuteilung bewerben - mehr als 1.300 Flaschen waren in den beiden Fässern nicht drin. (Mehr dazu unten) Viel mehr gibt es auch vom Weißwein mit dem ungewöhnlichen Namen „La Pájara” nicht.